Denkmal des Monats November 2013

Am Bruch 5 - ehemaliger Schlachthof

Geschichte

Anlass für die Überlegungen der Stadt Remscheid zur Errichtung eines öffentlichen Schlacht­hofes war die Polizeiverordnung vom 09. Juli 1887 zur "Verhütung der Übertragung von Trichi­nen und Finnen auf Menschen". Diese Verordnung diente der Gesundheitsfürsorge der Bevölke­rung, der Kontrolle von Krankheiten, der gegenseitigen Überwachung der Fleischer, der Kon­trolle von Schlachtungen kranken Viehs und dem geregelten Weiterverkauf von minderwertigem Fleisch. Mit Inkrafttreten der Verordnung am 01. Januar 1888 wurde bei Errichtung oder Be­stand eines öffentlichen Schlachthauses der Schlachtzwang in dieser Institution festgesetzt. Diejenigen Metzger, die ein gut eingerichtetes Schlachthaus hatten und die Konzessionsbe­dingungen erfüllten, konnten vom Schlachthauszwang entbunden werden.

Einweihung 1890 (Quelle: Historisches Zentrum)

Nach dem Beschluss zum Bau eines öffentlichen Schlachthauses wurde zur Durchführung des Projektes die sogenannte "Schlachthaus-Kommission der Stadt Remscheid" ins Leben gerufen. Bereits ab November 1887 wurde mit der Schlachthäuser benachbarter Kommunen begonnen. Dem Bericht der Schlachthaus-Kommission vom November 1887 folgte der Gemeindebeschluss bezüglich der Einführung des Schlachthauszwanges in der Stadt Remscheid unter Berücksichti­gung der v. g. Polizeiverordnung.

Am 02. August 1888 entschloss sich die Stadtgemeinde zum Kauf eines Grundstückes im Süd­westen der Stadt, unterhalb der Freiheitsstraße/Brucherweg. Das Grundstück zeichnete sich durch die günstige Lage für alle Teile der Gemeinde, gute Abfluss- und Entwässerungsverhält­nisse (Hanglage), durch einen bequemen und kostengünstigen Eisenbahnanschluss (Eisenbahnstrecke Remscheid - Hasten) und durch die entfernte Lage zu Wohngebäuden (Vermeidung von Geruchsbelästigungen) aus.

Mit der Planung der Schlachthofanlage wurde das städtische Hochbauamt beauftragt und am 01. November 1890 fand die feierliche Eröffnung des Schlachthofes statt. 

Nach fast hundertjährigem Betrieb wurde der städtische Schlachthof im Jahre 1989 ge­schlossen. Die Rentabilität der Anlage war nicht mehr gegeben und hygienische, städtebauliche und politische Argumente sprachen ebenfalls gegen eine Fortführung der historischen Nutzung.

Konzepte für die Umnutzung des ca. 16.000 qm großen Geländes wurden entwickelt und 1994 konnte nach umfänglichen Sanierungsmaßnahmen und Bauarbeiten ein Handwerker- und Gewerbehof angesiedelt werden.

ehemalige Rinderschlachthalle 2013

Beschreibung

Der gesamte Gebäudekomplex wurde aus Ziegelsteinen  in Sichtmauerwerk erstellt. Die Formen­sprache mit schlichten Wandvorlagen und großen Segmentbogenfenstern entspricht dem dama­ligen Ausdruck der Industriearchitektur. Die Schlachthofanlage wurde um die mittig gelegene Kühlhalle symmetrisch angeordnet. Jeweils eine Schlachthalle für Großvieh und eine für Schweine, mit zugehöriger Kaldaunenwäsche und Ställen, gliederten sich an.

Der überwiegende Teil der zur Schlachtung vorgesehenen Tiere wurde auf dem Schienenweg zum Schlachthof gebracht. Dazu war ausgehend von der Eisenbahnstrecke Remscheid - Hasten ein direktes Anschlussgleis angelegt worden. Am Ende dieses Gleises wurden die Schlachttiere ausgeladen, in Augenschein genommen und gewogen. Die gesunden Tiere wurden direkt in die Schlachthallen gebracht.

"Rinder-Medaillon" 2013
"Schweine-Medaillon" 2013

Anhand von Stuckmedaillons mit einer Rinder- bzw. Schweinekopfdarstellung wurden die unterschiedlichen Belegungen der Hallen in der Fassade kenntlich gemacht. 

Beide Hallen sind mit Abmessungen von ca. 13 x 40 Metern gleich groß, funktionsbedingt vari­ieren die Stützenstellungen innerhalb der beiden Gebäude. Die Hallen waren mit den jeweils notwendigen Schlachteinrichtungen ausgestattet und an die Kalt- und Warmwasserversorgung angeschlossen. Große Fenster sorgten für eine ausreichende Belichtung, die im Winter und in den Abendstunden durch elektrisches Licht gewährleistet wurde. Die Fenster waren derart kon­struiert, dass,  zusammen mit einigen Lüftungslaternen auf dem Dach, die Hallen gut durchlüftet waren und die für die Schlachtung geforderten Temperaturen ohne Schwierigkeiten er­reicht werden konnten.

Innenansicht Rinderschlachthalle 1930er Jahre (Quelle: Historisches Zentrum)

Die technische Ausrüstung der Hallen mit Kränen galt als äußerst fortschrittlich. Die im Gebäudeinneren jeweils offenliegende Dachkonstruktion war für die Ansicht konzipiert und aufwendig gestaltet.

Jeweils ein Wellblechgang stellte die Verbindung zu den dazugehörigen Räumen der auf kreuz­förmigem Grundriss errichteten Kaldaunenwäsche dar. Nachdem das Fleisch der Tiere untersucht und zerlegt war, konnten hier die Innereien weiterverarbeitet werden. Die festen Abfallstoffe gelangten direkt aus der Kaldaunenwäsche in überdeckte Waggons zum Ab­transport; die entstandenen Abwässer wurden nach der Blutklärung in Kanäle geleitet. Dafür war zwischen den beiden Gebäudeteilen zur Kaldaunenwäsche ein separater Klärraum vorgesehen. Daran anschließend wurden die Abwässer in das öffentliche Kanalnetz abgeführt.

Das ausgeschlachtete Fleisch sowie die Innereien konnten zur Aufbewahrung in die zwischen den beiden großen Schlachthallen gelegene Kühlhalle gebracht werden. Diese war mit den Hallen durch einen umbauten Gang zu erreichen, der auch die Hallen untereinander verband. In der Kühlhalle gab es 42 verschließbare Zellen, die von den Metzgern gemietet werden konnten. Durch die Kühlvorrichtung konnten Temperaturen zwischen + 2 und + 5 Grad erreicht werden, die eine Aufbewahrungszeit für das Fleisch von 6 - 8 Wochen ermöglichten. Die niedrigen Temperaturen wurden in dem unter der Kühlhalle befindlichen Kühlraum durch Luftkühler und Eisbildner erzeugt. 

Skizze Übersichtsplan 1890

Die weitere Technik (Dampfkessel und Maschinenraum) befand sich im Anschluss an die Kühlhalle. Hier wurde in zwei Dampfkesseln der Dampf für die Dampfmaschine, Brühbottiche und Heißwasserbehälter hergestellt. Die Anlage hatte eine Leistungskapazität von 45 PS und wurde mit Kohle betrieben, die über das Anschlussgleis angeliefert wurde.

War die Anzahl der Schlachttiere zu groß oder kam es anderweitig zu Verzögerungen, wurden die Tiere in die den Hallen unmittelbar zugeordneten Ställe gebracht. So waren Ställe für 20 Rinder und ein Kleinviehstall mit 6 Abteilungen parallel zur Hornviehschlachthalle angeordnet, parallel zur Schweineschlachthalle gab es drei Ställe mit sechs Abteilungen. Über beiden Stallkomplexen be­fanden sich jeweils Futterböden. Die Ställe waren jedoch nur für einen kurzen Aufenthalt der Tiere gedacht. In Verlängerung der Schweineställe war zudem noch ein kleiner Schlachtraum für Pferde, Ställe für drei Tiere und zwei Räume zur Aufbewahrung von Fellen errichtet. Die Pferdeschlachthalle fiel wesentlich kleiner als die übrigen Hallen aus, da der Bedarf an Pferdefleisch gering war.

Wurden kranke Tiere zum Schlachten gebracht oder bei den amtsärztlichen Untersuchungen Krankheiten festgestellt, so wurden die Tiere in den Krankenstall, der sich neben dem Klärraum befand, geführt. Der Krankenstall war ebenfalls mit allen Schlachteinrichtungen versehen, so dass zwar minderwertiges, aber genießbares Fleisch in der sich anschließenden Freibank kontrol­liert feilgeboten werden konnte.

In dem im Grundstücks­zugangsbereich gelegenen Verwaltungsgebäude befand sich ein 100 cbm fassendes Wasser­reservoir, das durch das Wasserwerk gespeist wurde und für Notfälle zur Verfügung stand. Das Erdgeschoß beherbergte drei Diensträume: das Kassenzimmer, das Büro des Inspektors und das Schauamt. Im 1. Obergeschoß und im Dachgeschoß war die Wohnung des Inspektors einge­richtet. Weitere Personalräume, die sogenannten Gesellenstuben, befanden sich im Untergeschoß der teilunterkellerten Schlachthallen.

Luftbild 1957 (Quelle: Historisches Zentrum)

Wie einem Betriebsbericht zu entnehmen ist, wurde der Schlachthof mit steigender Tendenz frequentiert. Eine Erweiterung der Gesamtanlage folgte in den 1920er und 1950er Jahren.

Die beiden Schlachthallen, zwischen denen sich zur Erbauungszeit, deutlich abgegrenzt, die Kühlhalle befand, verschmolzen durch zahlreiche Um- und Erweiterungsbauten zu einem Konglomerat. Verbunden mit dem Ausbau der Kühlkapazitäten und der Installation großflächi­ger Kühlaggregate wurden die ehemaligen Freiflächen überbaut. Für die Rinderkuttelei gab es eine ähnliche Entwicklung. Die ehemals klar ablesbare kreuzförmige Grundrissgliederung sowie der schmale Verbindungsgang zur Schlachthalle wurden überbaut bzw. überformt.

Relativ unberührt von den beschriebenen baulichen Veränderungen blieben die Schweinekuttelei mit Verbindungsgang zur Schlachthalle sowie die Schweineställe mit angegliederter Pferdeschlachthalle. Einem Neubau mussten die Ställe, welche der Rinderschlachthalle zugeordnet waren, weichen.

Bauliche Maßnahmen im Rahmen der Umnutzung

Im Rahmen der Umnutzung zu einem Handwerker- und Gewerbehof wurden zahlreiche Ge­bäude bzw. Gebäudeteile abgebrochen mit dem Ziel, die Symmetrie der Anlage herauszustellen und historische Gliederungen wieder freizulegen. Zwischen den beiden Schlachthallen wurde unter Berücksichtigung des historischen Gestaltungskanons ein neuer Hallenkomplex errichtet. Die Fassaden der Schlachthallen wurden von nachträglichen Ergänzungen und Veränderungen befreit. Die originalen Fenster konnten nahezu vollständig erhalten und aufgearbeitet werden. Die Dachkonstruktionen in den beiden großen Hallen konnte freigelegt und instand gesetzt werden, der Charakter der historischen Hallen wurde zurückgewonnen.

Die ehemaligen Schweineställe mit Pferdeschlachthalle werden heute als Büroräume genutzt und stehen Unternehmen zur Verfügung. Bauliche Ergänzungen erfolgten nur in gerin­gem Umfang.

ehemalige Rinderkuttelei 2013

Besonderes Einfühlungsvermögen erforderte die Instandsetzung der Rinderkuttelei. Zusätzlich zu der Nutzung als Kaldaunenwäsche im Obergeschoß befand sich im Untergeschoß ein Häute- und Pökelsalzlager. Salzeinlagerungen im Mauerwerk führten zu Ausblühungen und Schäden an Tragelementen. Eine in späteren Jahren eingezogene Betondecke zwecks Verringerung der Raumhöhen und Optimierung der Flächenausnutzung wurde in der Art geschädigt, dass die Stahlträger und -einlagen vollständig korrodierten. Die Decke musste entfernt werden. Die historische Holzdachkonstruktion war in der Vergangenheit bereits durch ein Betondach ersetzt worden. Beim Abbruch des Daches traten statische Mängel der Außenwände zu Tage, die zusätzliche Sicherungsmaßnahmen notwendig machten. Die Rückführung auf den kreuzförmigen Grundriss und das optische Zu­sammenspiel mit der Schweinekuttelei und den beiden Schlachthallen rechtfertigte den hohen Sanierungsaufwand. Zwischen den beiden Kutteleien wurden die Ergänzungsbauten abgerissen. Eine Neubebauung erfolgte nicht. Die beiden ehemaligen Kutteleien werden seit der Umnutzung als Büroräume genutzt. 

Das ehemalige Verwaltungsgebäude wird heute als Wohnhaus genutzt wird, eine Einbeziehung in das Umnutzungskonzept zum Handwerker- und Gewerbehof war nicht vorgesehen.

 

Der ehemalige Schlachthof "Am Bruch 5" wurde am 07.04.1992 in die Denkmalliste der Stadt Remscheid eingetragen.

 

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