Denkmal des Monats Februar 2014

Schüttendelle 30
Wetterfahne auf dem "Kavalierhaus" (westliches Kontorgebäude) Ende der 1950er Jahre (Quelle: Historisches Zentrum)

Geschichte

Die Ende des 17. Jahrhunderts formell festgeschriebene Arbeitsteilung von Handwerk und Handel förderte die Entwicklung eines hochspezialisierten und hochqualifizierten Eisengewerbes im Bergischen Land, das zu den bedeutendsten in ganz Deutschland zählte. Mit der fortschreitenden Entwicklung des Eisengewerbes hatte sich ein eigener Kaufmannsstand herausgebildet, der die Verbindung zum wachsenden Weltmarkt herstellte. Aufgrund der weitreichenden Handelsbeziehungen im Bereich der Metall- und Werkzeugindustrie nach Übersee nennt sich Remscheid volkstümlich-traditionell schon seit den 1880er Jahren die "Seestadt auf dem Berge".

Die Entwicklung des Kaufmannsstandes lässt sich in Remscheid an zahlreichen Kaufmannshäusern, zum Beispiel an dem Gebäude "Schüttendelle 30", noch heute ablesen.

Wohngebäude von 1782, Stand um 1900 (Quelle: Historisches Zentrum)

Der Ursprung des Gebäudes geht auf das Handelshaus Diederichs zurück. 1731/32 übernahm Johann Peter Diederichs im Hammertal die im 17. Jahrhundert erbauten und bauzeitlich bezeichnete "Eisen- oder Looshütte", den heutigen "Diederichshammer". Einige Jahre später gründete sein Sohn, Peter Johann Diederichs (1712 - 1796), im Jahre 1744 das Exportgeschäft "P. J. Diederichs & Söhne".

Der Erfolg des Geschäftshauses spiegelt sich in dem 1782 erbauten Wohngebäude wider. Das von der Straßenflucht zurückgesetzte Wohnhaus war ein zweigeschossiges, verschiefertes Fachwerkhaus, 5-achsig mit Eingang und Zwerchhaus in der Mittelachse, das Walmdach war verschiefert. Eine doppelläufige Treppe führte zum Hauseingang, dessen Türe mit einem barocken Gewände und reich verziertem Oberlicht gestaltet war.

rechtes, östliches Kontorgebäude um 1900 (Quelle: Historisches Zentrum)

Die beiden straßenbegleitenden Kontorgebäude waren in Fachwerkbauweise auf quadratischem Grundriss errichtet und wiesen eine hölzerne Fassadenverkleidung mit steinimitierender Gestaltung auf. Beide Gebäude wurden zwischen 1865 und 1889 rückwärtig erweitert. Das linke, westlich gelegene Kontorgebäude mit der Wetterfahne in Form eines Segelschiffes, wurde auch "Kavalierhaus" genannt und gehörte Johann Gottlieb Diederichs, der in der Zeit von 1808 - 1811 Bürgermeister von Remscheid war.

Das Handelshaus, das hauptsächlich Eisen- und Stahlwaren nach Übersee exportierte, erlitt während der Kontinentalsperre (1806 - 1814) hohe Verluste. Mit dem Tod von Arnold Diederichs, der Mitte des 19. Jahrhunderts der letzte Inhaber des Exportgeschäftes war, ging eines der für Remscheid bedeutendsten Handelshäuser unter.  

Die Liegenschaft an der Schüttendelle wurde von der Familie Böker übernommen, die weitreichende verwandtschaftliche Beziehungen zu der Familie Diederichs hatte.

Die Familie Böker betrieb seit dem 17. Jahrhundert eine kleine Handwerkszeugfabrik, deren  Produkte im Laufe der Zeit zu den führenden in Deutschland und im benachbarten Ausland wurden. In den 1830er Jahren kam die Produktion von Schneidwaren hinzu und mit der ständig wachsenden Vielfalt der Produkte und deren Nachfrage sah die Familie Böker die Chance des weltweiten Vertriebes. Um ihre Geschäftsinteressen optimal umzusetzen, wurden die Aufgaben verteilt.

Logo Firma Hermann Böker (Quelle: www.wkfinetools.com)

Unter anderem wanderte Hermann Böker 1837 nach New York aus und gründete dort die Firma "Hermann Böker & Co." Sein Neffe, Robert Böker (1843 - 1912), folgte ihm Anfang der 1860er nach Nordamerika und gründete 1864 im Alter von nur 21 Jahren zunächst in Kanada eine Firma und bereits ein Jahr später, 1865, in Mexico eine weitere, die bis heute unter dem Namen "Casa Boker" mit verschiedenen Handwerksprodukten aus Metall handelt. Der Tatendrang von Robert Böker kam nach seiner Rückkehr nach Remscheid seiner Heimatstadt zu Gute. Neben zahlreichen kommunalpolitischen Ämtern war er Initiator für den Bau der ersten deutschen Trinkwassertalsperre, der Eschbachtalsperre, und der Remscheider Straßenbahn. 1909 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Remscheid ernannt.

Schüttendelle 30, Stand 1929 (Quelle: Historisches Zentrum)

Die Gebäude an der Schüttendelle wurden bis 1908 von Hermann Böker bewohnt und als Geschäftshäuser genutzt. 1907/08 ließ Paul Böker, Kaufmann und Teilhaber der Firma "Hermann Böker" hinter dem bestehenden Wohnhaus von 1782 eine neues errichten, das heutige Gebäude "Schüttendelle 30". Das alte Wohnhaus wurde 1908 abgebrochen. Die Kontorgebäude wurden in den 1970er Jahre abgebrochen.  

Die Stadt Remscheid erwarb das Anwesen 1964 aus dem Nachlass des verstorbenen Paul Böker und nutzte es bis 2007 als Wohnhaus, welches bis zum Verkauf als "Villa Böker" bezeichnet wurde. 

Im Jahr 2007 wurde das Gebäude veräußert und von den neuen Eigentümern umfangreich saniert und einer Restaurant- und Hotelnutzung zugeführt.

Ansicht 2014

Beschreibung

Das 1907/08 erbaute "neue" Wohnhaus wurde in der Tradition der Bergischen Patrizierhäuser mit reichhaltigem Zier- und Schnitzwerk im "Bergischen Neo-Barock" errichtet. Das verschieferte Gebäude ist breit gelagert und zwei Seitenrisalite rahmen die mittlere Hauptfront. Die horizontale Gliederung des Baukörpers wird besonders durch Gesimse und Fenster betont. Aufwendig dekorierte Dachaufbauten schmücken das verschieferte Mansarddach.

Eingangstür 2014

Eine breite Sandsteintreppe führt zum Hauseingang. Aus dem Vorgängerbau, welcher 1908 abgebrochen wurde, wurden einzelne Architekturelemente in den Neubau übernommen. Die geschweifte Mittelgaube mit Glocke und der Jahreszahl 1782 sowie die doppelflügelige Hauseingangstür mit Oberlicht und den Initialen "HB" wurden in das neue Wohnhaus integriert. Die Baukosten wurden gemäß Bauakte mit 73.000,- Mark angegeben.

 

Innenansicht um 1920
Innenansicht 2014

Bei der Umnutzung zum Restaurant- und Hotelbetrieb und der umfangreichen Sanierung des Gebäudes in den Jahren 2007/08 blieben die bauzeitliche, innere Struktur und die Gestaltung erhalten. Die originale Ausstattung wie Treppenhaus, Fliesen- und Parkettböden, hölzerne Decke mit Intarsien, Türen und Stuckdecken wurden restauriert.  

Das Gebäude zeugt vom Wohlstand bergischer Unternehmer und spiegelt auch im Inneren in qualitätvoller Weise die bürgerliche Wohnkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute wider. 

 

Das Gebäude "Schüttendelle 30" wurde am 11.12.1985 in die Denkmalliste der Stadt Remscheid eingetragen.

 

Kontakt

+49 (2191) 16 3991
+49 (2191) 16 2302
+49 (2191) 16 3052
 

Buchtipp

Buchtipp
beide Bände können in der Bibliothek Remscheid ausgeliehen werden