Denkmal des Monats April/Mai 2014

Schützenstraße 57 - ehemaliges Amtsgericht

Geschichte

Germanische Ratsversammlung, Relief auf der Marc-Aurel-Säule in Rom (Quelle: Wikipedia)

Seit jeher wird über Recht und Unrecht gerichtet. Zur germanischen Zeit waren Volksgerichte oder Hundertschaftsversammlungen für die Rechtsfindung zuständig. Unter Karl dem Großen wurde eine Gerichtsreform durchgeführt, die zur Folge hatte, dass nicht mehr das Volk für die Urteilsfindung zuständig war, sondern Beamte des Kaisers. In seinem Namen übten sie die Gerichtsgewalt (das so bezeichnete Grafenamt). Im Mittelalter zerfiel diese Zentralgewalt und das Aufkommen von Landeshoheiten nahm an Bedeutung zu. Die Landesherren übten in ihren Territorien den Großteil der Rechtsprechung nach eigenen Grundsätzen aus. So  entstanden eine Vielzahl von Landes- und Ortsrechten, da eine einheitliche Rechtsprechung noch nicht vorhanden war.  

Bereits im 14. Jahrhundert wurden in England Friedensgerichte eingeführt. Im Rahmen der örtlichen Selbstverwaltung hatten sie die Aufgaben, den gemeinen Frieden zu wahren, die Masse der Gerichtsverfahren in kleineren Strafsachen zu verhandeln und die darüber hinaus gehenden Zivil- und Strafsachen für die Oberrichter bei den Gerichtshöfen vorzubereiten. Die eingesetzten Friedensrichter waren juristische Laien, die allgemeines Ansehen unter der Bevölkerung genossen.

Code Civil
Code Civil 1804 (Quelle: Wikipedia)

Mit den französischen Besatzern im ersten Koalitionskrieg (1792-1797) wurden die Friedensgerichte, die in Frankreich um 1790 eingerichtet worden waren, auch im Rheinland eingeführt. Später wurde der von Napoleon 1804 eingeführte "Code Civil" übernommen, der in weiten Teilen Europas zur Anwendung kam. Auch nach dem Wiener Kongress (18. September 1814 bis 9. Juni 1815)  und der Niederlage Napoleons blieben die Friedensgerichte bestehen und der "Code Civil" wurde weiter angewandt, da beide Instrumente als Fortschritt gegenüber dem alten Rechtssystem angesehen wurden.

Mit Inkrafttretung eines neuen Gerichtsverfassungsgesetzes am 1.Oktober 1879 wurden die Friedensgerichte durch die Amtsgerichte ersetzt. Hierdurch wurden in Preußen etwa 600 Amtsgerichte eingerichtet, darunter im Bergischen Land in Barmen, Elberfeld, Langenberg, Mettmann, Lennep, Remscheid, Solingen und Wermelskirchen.

Der "Code Civil" gilt als Vorläufer des 1900 eingeführten "Bürgerlichen Gesetzbuches". 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Remscheider Rechtsstreitigkeiten am Friedensgericht in Ronsdorf verhandelt. Auf Grund der wachsenden Bevölkerungszahl und der Zunahme von Gewerbetreibenden wurde der Wunsch nach einem eigenen Gericht geäußert. Dank der persönlichen Vermittlung des Remscheider Kaufmannes Josua Hasenclever wurde durch eine Kabinettsorder Remscheid ein Friedensgericht zugesprochen. Bedingung war jedoch, dass die Gemeinde unter anderem die Räumlichkeiten bereitstellen bzw. zur Anmietung zur Verfügung stellen musste. So wurde das erste Friedengericht im Erdgeschoss des alten Rathauses an der Elberfelder Straße eingerichtet und am 1.April 1844 eröffnet. Um 1870 wurde die Justiz von der Gemeinde Remscheid aufgefordert, andere Räumlichkeiten anzumieten, da das Erdgeschoss des alten Rathauses für die Bürgermeisterei auf Grund des steigenden Verwaltungsaufwandes in Folge des Bevölkerungswachstums selber benötigt wurde. 1876 zog das Gericht in die Räume der bisherigen Gewerbeschule in der Scharffstraße und wurde dort im Zuge des neuen Gerichtsverfassungsgesetzes 1879 erster Sitz des Amtsgerichtes. Das Gebäude wurde später als Stadtbücherei genutzt. Für das Gericht waren diese Räumlichkeiten jedoch bald zu klein, da mit dem stetigen Anwachsen von Industrie und Bevölkerung auch die Zahl der Gerichtsverfahren anstieg. Auch wirkten sich die Streitigkeiten im Rahmen der Neubaumaßnahmen der Eschbachtalsperre ab 1889 und der "Feilenhauerstreik" 1890 auf die Anzahl der Verfahren aus.

Schützenstraße 57, Ansicht 1929 (Quelle: Historisches Zentrum)

Der Justizfiskus erwarb 1892 ein Grundstück in der Schützenstraße und im gleichen Jahr begann man mit den Bauarbeiten des neuen Amtsgebäudes. Bereits 1893 konnte das neue Gerichtsgebäude feierlich übergeben werden. Der zu der Zeit monumental wirkende Neubau, dessen Bauausführung aber typisch für öffentliche Gebäude war, umfasste auch ein Gefängnisgebäude mit 12 Haftzellen. Die neuen Räumlichkeiten wurden jedoch schnell in der Öffentlichkeit bemängelt. So war der Sitzungssaal im 1. Obergeschoss zu klein, für 27 Beamte standen nur 15 Diensträume zur Verfügung, Beschwerden über kalte Flure, in denen Zeugen über Stunden warten musste, wurden laut und auch das Gefängnis war längst zu klein geworden. Um der Raumnot entgegen zu wirken, wurden in dem Nachbargebäude Schützenstraße 55 zusätzliche Flächen angemietet und auf dem Gefängnishof wurde eine Baracke für weitere 12 Häftlinge gebaut. Eine grundlegende Verbesserung wurde hierdurch jedoch nicht erreicht, so dass ein Grundstück für ein "grosses, schönes und gut gelegenes Justizgebäude" (Dr. Hermann Pieper, "Das Gericht in Remscheid", S. 109) gesucht wurde. Die Stadt Remscheid bot der Justizverwaltung das Grundstück mit dem ehemaligen Krankenhauses an der Alleestraße / Freitheitstraße / Brüderstraße zum Kauf an. Das neue Krankenhaus war an die Burger Straße verlagert worden und nahm 1913 dort den Betrieb auf. Der Kaufvertrag wurde 1914 beurkundet. Bevor mit dem Neubau begonnen werden konnte, musste noch das alte Krankenhaus abgerissen werden. Auf Grund des Ersten Weltkrieges und einer Überprüfung der Entwürfe konnte erst im Januar 1923 Richtfest gefeiert werden. Es sollte jedoch noch bis zum Januar 1925 dauern, bis die feierliche Übergabe durch die Bauleitung an die Justizverwaltung stattfand.  

Das damit überflüssige Gerichtsgebäude in der Schützenstraße wurde zeitweise für die Unterbringung der Polizeiverwaltung genutzt, bis deren Neubau am Quimperplatz 1927 fertig gestellt war. 1928 wurde das Gebäude von der Stadt Remscheid erworben und sollte für Beamtenwohnungen umgenutzt werden. Das Gebäude wurde jedoch ab Januar 1929 an die "Staatliche Betriebsfachschule" vermietet, die gegenüber ihr Schulgebäude hatte. Die "Staatliche Betriebsfachschule" war 1924 aus der "Staatlichen Fachschule für die Bergische Kleineisen- und Stahlwaren-Industrie" hervorgegangen. In den angemieteten Räumen wurden die Untersuchungslaboratorien unterbracht, die später als Versuchsanstalt der Werkzeugindustrie genutzt wurde.

Das ehemalige Amtsgericht war bis 1992 an die "Fördergemeinschaft Werkzeug" vermietet und wird seitdem von der Stadt Remscheid als Verwaltungsgebäude genutzt. Heute ist dort der Fachbereich Schule und Bildung untergebracht.

Beschreibung

Ansicht 1997

Das 1892/93 errichtete "Königliche Amtsgericht" ist ein dreigeschossiger Massivbau. Die fünfachsige Fassadenabwicklung der Hauptschauseite wird von einem raumtiefen, dreiachsigen, giebelständigen Mittelrisalit bestimmt. Die Fassaden sind in gelbem Backstein gemauert und, besonders der Mittelrisalit, sind durch Fenster- und Türgewände, Gurtgesimse, Eckquader, Voluten, Kugeln sowie Konsolen aus rotem Sandstein aufwändige gestaltet.

Der Haupteingang befindet sich in der Mittelachse und weist eine reichhaltig gestaltete Sandsteinfassung auf. Die Ausbildung des Portals mit seinen Pilastern und einem Rundbogen mit ausgearbeitetem Schlussstein wird durch einen bekrönenden Dreiecksgiebel mit Muschelwerk betont. Die Sandsteingewände der Fenster des Erdgeschosses sind mit Stichbögen und Schlusssteinen versehen. Die mit waagerechtem Sandsteinsturz ausgebildeten Fenster des 1. Obergeschosses weisen oberhalb des Sturzes in gelbem Backstein gemauerte Rundbögen mit roten Schlusssteinen auf.

Inschrift 2014

Im verkröpften Sandsteingesims des 2. Obergeschoss findet sich die Inschrift "Königliches Amtsgericht". Die darüber liegenden Fenster unterscheiden sich von den sonstigen Fenstern, da sie mit steinernen Fensterkreuzen ausgestattet sind. Die Fenstereinfassungen erfolgen wie im 1. Obergeschoss mit waagerechtem Sandsteinsturz und gemauerten Rundbögen mit roten Schlusssteinen.

Die Ebene des Giebeldreiecks wird durch ein rotes Sandsteinband markiert. Seitlich wird der erste Rücksprung zur Verjüngung der aufsteigenden Fassade über Voluten und der Abtreppung mit bekrönenden Kugeln umgesetzt. Das Giebelfenster ist, wie die darunterliegenden Fenster, mit einem steinernen Fensterkreuz ausgebildet und wird von einem Rundbogen mit Schlussstein überspannt. Der Rundbogen weist ein Ochsenauge auf. Seitlich befinden sind Sandsteinelemente,  die ähnlich einem Hängewerk ausgebildet sind. Hierauf ruht der Preußische Adler unter einem rundbogigen Sandsteinprofil mit Gesims und Mittelkugel.

Das Walmdach sowie die zwiebelförmige Kuppel des Treppenhauses sind mit Schiefer gedeckt.

Treppe Erdgeschoss 2014
Treppengitter 2014

Im Inneren haben sich die historischen Fliesen in den Fluren, das Treppenhaus mit steinernen Antritts- und Endpfosten sowie schmiedeeiserne Treppengeländer erhalten. Die Decken der Flure und des Treppenhauses sind als Kreuzgewölbe ausgeführt.    

  

Das Gebäude "Schützenstraße 57" - ehemaliges Amtsgericht - wurde am 26.08.1994 in die Denkmalliste der Stadt Remscheid eingetragen.

 

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