Denkmal des Monats August 2014

Wiedenhof 1-3

Geschichte

Die bis 1929 selbständige Stadt Lüttringhausen entwickelte sich aus einer Einzelsiedlung, die Anfang des 12. Jahrhundert als gräflich-bergischer Herrenhof erwähnt wird, zu dem neben einem Fronhof auch eine so genannte "Eigenkirche" gehörte. Eigenkirchen wurden im frühen Mittelalter vom örtlichen Adel auf privatem Grund und Boden errichtet. Der Grundherr hatte das Recht, Pfarrer bzw. Äbte ein- und abzusetzen, ihm stand der Zehnte der Erträge zu und er musste für die Bedürfnisse der Kirche und der Seelsorge aufkommen. Im Gegenzug wurden der Grundherr und seine Angehörigen in die Gebete einbezogen.

Im 12. Jahrhundert wurde mit der Erhebung der Eigenkirche zur Tauf- und Pfarrkirche der Herrenhof zum Mittelpunkt und Hauptort des Pfarrsprengels, auch Kirchspiel genannt. Mit der Erstarkung der Landeshoheit verloren die gräflichen Eigengüter ihre Bedeutung. Die Güter wurden als Lehen vergeben oder geistlichen Institutionen als Geschenk gemacht.

Der Herrenhof Lüttringhausen wurde Anfang des 14. Jahrhunderts an die auf Schloss Hackhausen in Ohligs beheimatete Adelsfamilie von Bottlenberg als Lehen vergeben. Dieses Lehen bestand bis ins 19. Jahrhundert. Unter Napoleon wurde die Lehensherrschaft abgeschafft und 1807 wurden die damaligen Kirchspiele im Großherzogtum Berg zu Munizipalitäten zusammengelegt (als Munizipalität wird eine administrative Gemeindestruktur bezeichnet). 1856 wurde auf Grundlage einer preußischen Kabinettsorder Lüttringhausen zur eigenständigen Stadt erhoben.

Karte des Güterbestandes Kirchspiel Lüttringhausen im Spätmittelalter (Quelle: Beiträge zur Geschichte Remscheid, Heft 6)

Die Herren von Bottlenberg wurden mit der Verleihung der Lehen nicht nur Dorfherren,  sondern auch Patronatsherren der Pfarrkirche. Das Kirchspiel entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer ausgedehnten Pfarrei. Um den Lebensunterhalt des Geistlichen zu sichern, gehört auch immer ein landwirtschaftlicher Hof, der sogenannte "Wiedenhof" zur Pfarrei. 

Aus Wikipedia ist zu entnehmen, dass im Niederdeutschen sowie im Bergischen von den Worten "wiedem" (althochdt.: widumo) oder "wedeme" (nied.dt.) die Worte "widmen" und "Wittum" abgeleitet werden. Wobei "Wittum" mit "Morgengabe an die Frau bei der Heirat" übersetzt wird. Der Name Wiedenhof, aus dem Wort "Widembhof" stammend, bedeutet: der Kirche gewidmeter Hof. Der Wiedenhof als Versorgungsgut, auch Kirchengift - also Kirchengabe -  genannt, findet sich auch unter der Bezeichnung Ausstattungsgut wieder.

Entstehung der Wiedenhöfe

Unterer Wiedenhof - Wiedenhof 1

In der sogenannten "Hackhauser Lehenrolle" von 1450 ist erstmals ein Wiedenhof genannt. 1547 wird in dem Verzeichnis der Hand- und Spanndienste im Kirchspiel Lüttring­hausen der Wiedenhof als ein von Steuern befreiter Hof genannt. Hierin steht: "Ein Pastor sitzt auf dem freien Wiedenhofe, hält ein Ackerpferd, baut seinen Wiedenhof selbst." Dem Protokoll der Kirchenvisitation von 1550 ist zu entnehmen, dass "der Pastor den Wiedenhof besitzt", auf dem ungefähr "12 Malder" (= Malter, altes Getreidemaß = 100-700 Liter) Hafer angebaut werden konnten und er "ungefähr 7 Kühe, 4 oder 5 Rinder und 1 Pferd" hielt. Der Pastor klagte, dass sein Einkommen zu gering sei, weil er "grosse Gesinde (viel Gesinde) halten und beköstigen müsse." 

Oberer Wiedenhof - Wiedenhof 2

Im Zuge des Reformationsgeschehens wurde 1540 der Patronatsherr von Bottlenberg darum gebeten, noch einen Vikar anstellen zu dürfen. Dieser sperrte sich zunächst, willigte dann aber unter der Bedingung ein, dass sein Hauskaplan diese Stelle bekleidete. Für den neuen Vikar wurde ein eigenes Versorgungsgut erforderlich. Hierzu wurde das als "Froweinshof" bezeichnete bäuerliche Lehensgut, der spätere Obere Wiedenhof, von der Familie Frowein erworben. Durch den Erwerb verlor der Hof jedoch nicht seine Lehenseigenschaft, wie in der "Lüttringhauser Lehenrolle" von etwa 1350 beschrieben wird. Das mit Abgabepflichten belegte Vikariegut war im Vergleich zum alten Wiedenhof, der keine Abgaben zu entrichten hatte, im Nachteil. Die Protokolle der Kirchenvisitationen von 1577 und von 1582 bezeichneten das Gut als "ein gering gütgen". Der Ertrag war so gering, dass dem Vikar für seinen Unterhalt "20 Gulden an Geld zugelegt" wurden. Im 17. Jahrhundert gab es wiederholt Streit zwischen den beiden Geistlichen um Besitzrechte, da die Ungleichheit der beiden Güter fortbestand. 

Nachdem 1719 eine Vermessung und die Grenzfestlegung der beiden Wiedenhöfe erfolgten, wurde ein Ausgleich durchgeführt, bei dem der Untere Wiedenhof verschiedene Grundstücke an den Oberen abgeben musste. Im Nachgang zu dem Ausgleich wurde 1721 festgelegt, dass die beiden Geistlichen die "Vorhäuser" der beiden Wiedenhöfe allein bewohnen sollten. Diese wohnten also nicht mehr auf den Wirtschaftshöfen, sondern mit ihren Familien in separat gelegenen Häusern. Im Laufe der Zeit wurden die beiden Lüttringhauser Geistlichen, Pfarrer und Vikar, als erster und zweiter Priester bezeichnet und man sah sie als nahezu gleichrangig an. Seit 1816 sind die beiden Wiedenhöfe hinsichtlich der rechtlichen Grundlagen gleich zu bewerten.  

Aufgrund politischer Entwicklungen verloren die Wirtschaftsgüter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung. Durch den Reichsreputationshauptschluss wurden 1803 Klöster und andere kirchliche Einrichtungen aufgehoben und ihre Besitzungen eingezogen. Die Besoldung der Geistlichen wurde vom Staat übernommen. Die eingezogenen Besitzungen blieben Eigentum der Kirchengemeinde. Die Ländereien wurde fortan nicht mehr intensiv genutzt, da der Unterhalt der Pfarrer jetzt gesichert war.

1893 wurden durch den Lüttringhauser Bürgermeister Gertenbach im Namen der Kirchengemeinde als Eigentümerin mehrere zum damaligen Oberen Wiedenhof gehörende Grundstücke an den "Rheinischen Provinzialausschuss für Innere Mission" zwecks Errichtung einer Pflege- und Heilanstalt (heute "Stiftung Tannenhof") verkauft.

Wiedenhof 3

1894/96 wurde auf dem Gelände der Wiedenhöfe ein neues Pfarrhaus errichtet.

Beschreibung

Wiedenhof 1

Das Objekt, ein Wohnhaus, wird im Ursprung in die Zeit um 1800 datiert. In den letzten Kriegstagen im April 1945 erlitt das Gebäude, zu dieser Zeit Pfarrhaus des Superintendenten, durch einen Brand erhebliche Substanzverluste, insbesondere wurde die Innenausstattung zerstört. Das Haus wurde im darauf folgenden Jahr nach Bau­plänen des Architekten Ernst Gondrom aus Köln wieder aufgebaut.

Bauzeichnung Oberlicht (Quelle: Bauaktenarchiv Remscheid)

Die Aufbau­pläne enthalten Zeichnungen zu Baudetails wie Dachanschlusspunkte, Fenster­konstruktionen, Treppenhandlauf, Hauseingangskassettentür mit Laterne im Oberlicht und Konstruk­tionszeichnungen der Türblätter. Jedes Türblatt ist durch zwei beidseitige flache Kas­setten gestaltet, die an den Ecken durch vier Blütenblätter verziert sind. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Baukörper mit ausgebautem Dachge­schoss unter einem Satteldach. Über einem Keller aus zwei quer zum Hang stehenden Tonnengewölbe erhebt sich ein an der Eingangsfront fünfachsiger, an den Giebelseiten zweiachsiger Baukörper, der im Erdgeschoss als Massiv- und im Obergeschoss als Fachwerkbau ausgeführt ist. Drei Seiten sind verschiefert, die nach Nordosten zur Elbersstraße zeigende Eingangs­fassade ist verputzt und durch fünf Fensterachsen symmetrisch gestaltet.

Ansicht Wiedenhof 1 von 2014

Die Mittelachse wird durch den fünfstufigen Treppenaufgang, das Türblatt mit dem durch geschweifte Sprossen geteilten Oberlicht und durch das Zwerchhaus im Dachbereich betont. An der rückwärtigen Fassade tritt ein nachträglich wohl mit dem Wiederaufbau er­richteter, bis in den Dachbereich durchgehender mittiger Anbau hervor, in dem geschossweise die Bäder angeordnet sind. Die innere Gebäudestruktur ist symmetrisch aufgebaut. In der Mittelachse liegen Flur und Treppe, seitlich jeweils zwei etwa gleich große Zimmer.

Wiedenhof 2  

Oberhalb des Wiedenhofes 1 steht quer zur Hangneigung, dem Verlauf der Höhenlinien angepasst, ein lang gestreckter zweigeschossiger, verschieferter Fachwerkbau mit Satteldach. Südwestlich schließt ein überformter neuerer Teil in Massivbauweise an. Der ältere Kern des Objektes wird in die Zeit um 1800 datiert. Der Baukörper fasste vermutlich als Wohn- und Wirtschaftsbereich Scheune und Ställe zusammen und wurde verschiedentlich umgebaut und erweitert. Heute ist das Gebäude in einzelne Wohneinheiten geteilt.

Ansicht Wiedenhof 2 von 2014

Zwei Eingänge befinden sich an der südlichen Trauf­seite, der neuere Teil wird von der Rückseite erschlossen. An der dem Hang zuge­wandten Seite wurden verschiedene kleinere Anbauten errichtet. Der Mittelteil steht über einem mit einer längs gerichteten Tonne überwölbten Bruch­steinkeller.

Die Raumaufteilung ist zweckmäßig, der Fachwerk- und Balkendeckenkonstruktion ent­sprechend kleinteilig. In der östlichen Wohneinheit ist die Treppe über Eck mit gesägten Flachbalustern in ge­schweifter Form erhalten. Im Obergeschoss befindet sich zwischen den Räumen ein großer Kamin. Die Gestaltung ist insgesamt schlicht, die hochrechteckigen Fenster unterschiedlichen Formates weisen Konstruktionen mit zwei Flügeln und kleinteiliger Gliederung auf. An der nordöstlichen Giebelseite sich zwei Kreuzstockfenster erhalten.

Bauzeichnung Wiedenhof 3 von 1894 (Quelle: Archiv Kirchengemeinde Lüttringhausen)

Wiedenhof 3

Das Objekt wurde als Pfarrhaus 1894/96 errichtet. Über nahezu quadratischem Grundriss erhebt sich ein zweigeschossiger, verschieferter Baukörper mit Mansarddach. Die Gliederung der Außenwände und die innere Raumstruktur sind im Vergleich mit den Bau­plänen und dem heutigen Bestand weitgehend unverändert erhalten. Abweichungen finden sich in den erneuerten Fenstern, der Purifizierung der weiß gestrichenen Holz­rahmungen sowie der Änderung des Treppenlaufes.

Lageplan zum Neubau Wiedenhof 3 (Quelle: Archiv Kirchengemeinde Lüttringhausen)

Auf dem Lageplan des Bauantrages ist das Grundstück, mit dem Haus im Mittelpunkt, in einen Ziergarten, einen Gemüse- und Obstgarten sowie einen Gras- und Bleichplatz geteilt dargestellt.

Diese Teilung ist heute nicht mehr ablesbar.

Die Anlage der Wiedenhöfe ist insgesamt aus städtebaubaulichen Gründen erhaltenswert. In der Zuordnung der drei Bauten mit den Freiflächen, genutzt als Obstwiesen und Gartenfläche, ist ein Ensemble am Ortskern von Lüttringhausen erhalten, dem als Hof­gefüge zur Versorgung der Geistlichen, nicht weit von der Kirche entfernt, ein be­sonderer historischer Wert hinsichtlich der Ortsbaugeschichte und dem Erhaltungswert im Hinblick auf die heutige städtebauliche Gestaltung von Lüttringhausen zugesprochen wird. Selten sind Wiedenhöfe in dieser Einbindung, inmitten des Wirtschaftlandes, heute noch überliefert. Heute werden die Gebäude zu Wohnzwecken und das Gelände als Wiesen- und Gartenfläche genutzt.

Das Denkmal setzt sich zusammen aus den Wohnhäusern "Wiedenhof 1, 2 und 3", aus einem Nebengebäude zu Wiedenhof 1 und aus den umgebenden und zwischen den Gebäuden liegenden Gärten, Hofflächen und Wiesen einschließlich des historischen Baumbe­standes und des übrigen historischen Bewuchses.

Die Häuser wurden am 18.05.1987 und die Freiflächen am 29.10.2003 in die Denkmalliste der Stadt Remscheid eingetragen.

 

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