Denkmal des Monats September 2014

Siedlung Neuenhof 1-87

Geschichte

Der allgemeine Bevölkerungszuwachs in Folge der Industriealisierung führte Ende des 19. Jahrhunderts in den rasch wachsenden Städten zu einer desolaten Wohnungssituation,  Wohnraum war knapp und teuer. Es entstanden erste selbsthilfegestützte Genossenschaften, um kostengünstige Wohnungen zu schaffen. Erst mit dem 1889 erlassenen "Gesetz betreffend die Wirtschafts- und Erwerbsgenossenschaften", auch als "Genossenschaftsgesetz" bezeichnet, boomte die Gründung von Baugenossenschaften. Das Wohnungsproblem verschärfte sich nochmals nach dem 1. Weltkrieg.

Wohnsituation um 1900 (Quelle: Wikipedia)

Nach dem 1918 erlassenen "Wohnungsgesetz" wurde die Zuständigkeit für eine erweitere Wohnungsfürsorge und -aufsicht auf die Kommunen übertragen. Hierzu mussten eigens Wohnungsämter eingerichtet werden. Damit begann zugleich die ungeheure Wohnungsbautätigkeit zu Zeiten der Weimarer Republik. Die erweiterte Kompetenz der Städte und Gemeinden führte zu einer stark regionalen Ausprägung der Wohnungsarchitektur und damit zu einer engen Bindung an die jeweilige Stadtentwicklung und -baugeschichte. 

In Remscheid war die Bevölkerung zwischen 1840 und 1915 von 11.000 auf 77.000 Einwohner angewachsen. Die Bautätigkeiten für Wohnraum hatten hiermit allerdings nicht Schritt gehalten. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde 1887 der "Gemeinnützige Bauverein der Industriellen" gegründet und 1888 die sogenannte "Hoffmeisterstiftung" eingerichtet (Otto Hoffmeister, 1859 - 1876 Bürgermeister von Remscheid). Ihnen folgte die Gründung weiterer Bauvereine. Deren Bautätigkeit reichte jedoch nicht aus, um die Wohnsituation zu entschärfen. Die Stadtverwaltung versuchte den Mangel durch eigene Bautätigkeit und die intensive Unterstützung der regionalen Baugenossenschaften zu beheben. 1914 plante der damalige Oberbürgermeister Jarres nach dem Vorbild anderer Städte alle bauwilligen Gemeinschaften zu einer leistungsfähigen Baugenossenschaft zusammenzufassen. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges verhindertes dies.

Infolge verstärkte sich das intensive Bemühen der Stadtverwaltung, auf die Lage im Stadtbild und architektonische Gestaltung Einfluss zu nehmen. Die in dieser Zeit entstandenen Siedlungen dienten auch der Abrundung randstädtischer Bereiche und zeigte beispielhaft, was man unter zweckmäßigem und preiswertem Wohnungsbau und dessen Gestaltung verstand. Hierzu wurden den Siedlungsgenossenschaften geeignetes Bauland sowie kostenlos ausgearbeitete Baupläne zur Verfügung gestellt.

Mit den gesetzlichen Vorgaben und dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1920er Jahren entstanden für Remscheid so wichtige Wohnanlagen wie die "Bökerhöhe", der "Rosenhof" die Siedlung "Honsberg" oder der "Neuenhof".

Luftbild vor 1929 (Quelle: Stadtarchiv Remscheid)

1921 gründeten die Kleingartenpächter, auf deren Gartenland die Siedlung Neuenhof entstehen sollte die "Siedlungsgenossenschaft Neuenhof", deren Vorsitz der kommunistische Stadtverordnete Koch übernahm. Nach einem 1923 erstellten städtebaulichen und architektonischen Entwurf des Technischen Beigeordneten Ludwig Lemmer entstand ab 1924 auf Erbpachtgelände die Siedlung Neuenhof. Von 1924 bis 1926 wurden im Auftrag der Genossenschaft sechs Doppelhäuser errichtet. Geldmangel und eine den Siedlern ungünstige Stimmung im Stadtrat führten zur Übernahme des genossenschaftlichen Projektes durch die Stadt. Den Vorgaben des Entwurfes von 1923 folgend entstanden bis 1929 160 städtische Wohnungen. Parallel wurde an der Nordseite des Siedlungsareals ein Sportplatz angelegt und die Schule an der Baisieper Straße / Oststraße erhielt einen sechsklassigen Erweiterungsbau. Während des 2. Weltkrieges wurden einige Häuser zerstört und Anfang der 1950er Jahre nach den Bestandsplänen wieder aufgebaut. Der Neuenhof ist ein anschauliches Beispiel für die städtebauliche und architektonische Entwicklung des Siedlungsbaus in Remscheid zwischen den Weltkriegen.

Beschreibung

Bauabschnitte (Quelle: Untere Denkmalbehörde)

Zur Siedlung gehören die Bauten Neuenhof 1 - 87. Sie wurden in vier Bauabschnitten nach einmal aufgestellten Plänen von Ludwig Lemmer errichtet. 

  1. Bauabschnitt 1925, Nr. 1 - 16
  2. Bauabschnitt 1927, Nr. 17 - 58
  3. Bauabschnitt 1928, Nr. 9 - 15, 41 - 47, 59, 60, 61/62, 63/64, 65/66
  4. Bauabschnitt 1929, Nr. 67 - 87

Auf einer Anhöhe erstreckt sich die Siedlung auf langgestreckt-rechteckigem Grundriss von Nordwest nach Südost, an ihrer Nordwestseite ist höherliegend der Sportplatz vorgelagert.  

Der die Siedlungsmitte bestimmende Verkehrsweg ist von langen, gestaffelten Baublöcken gerahmt. An seinem Anfang, hinter dem Sportplatz, sind die Doppelhäuser so angeordnet, dass ein kleiner Vorplatz entsteht. Es folgen symmetrisch angeordnete Reihenhausblöcke mit wechselnden Baufluchten und dazu querliegend am Südostende die Doppelhäuser Nr. 38/49, 37/39, 50/52 und 49/51. Diese sind durch längsgerichtete Reihenhäuser verbunden, sodass hier - den Straßenverlauf aufbrechend - ein nahezu quadratischer Platz entstanden ist.

äußerer Ring 1930 (Quelle: Stadtarchiv Remscheid)

Einseitig liegt wie ein äußerer Ring eine Folge von Reihen- und Doppelhäusern um das Siedlungsinnere, den Geländeverlauf an der Südost-Seite durch die gerundete Form des Blocks Nr. 67 - 79 berücksichtigend.

Die Gebäude sind zweigeschossig, verputzt und mit Satteldächern versehen. Sie liegen je nach Stellung innerhalb der Siedlung direkt an der Straße oder hinter meist frei zugänglichen Vorgärten. Die Hausgärten sind rückseitig zugeordnet.

Ansicht 2014

Die durchlaufenden Sturzgesimse der Erdgeschosse, die über den Eingängen leicht verstärkt sind, die kräftigen Kastengesimse der Traufe und die gleichmäßige Reihung der Obergeschossfenster und der Dachgauben geben den langgestreckten Blöcken eine Horizontalbetonung.

Zum Wohnungsangebot gehören Zwei- bis Vierzimmerwohnungen. Die Grundrisse haben gemäß der Entwurfsplanung eine nahezu quadratische Form, jeder Haushalt ist einspännig mit einer Wohnung je Geschoss. Im Keller liegen neben den Vorratsräumen die Waschküchen. Zu jeder Wohnung gehörten bauzeitlich ein Flur, ein WC, zwei oder drei Zimmer und eine Küche mit Spülstein. Ein weiteres Zimmer im Dachgeschoss konnte bei Bedarf der Wohnung zugeordnet werden.

Ab dem Jahr 2000 wurden umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen, unter anderem die Vergrößerung der Bäder, durchgeführt.

Die farbliche Fassung von Siedlungen in der ersten Hälfte der 1920er Jahre war typisch. Farben wurden bewusst als architektonisches Gestaltungsmittel eingesetzt und als optischer Reiz der sachlichen Architektur entgegengesetzt. Der Einsatz von Bunttönen in der Architektur fand Anfang der 1930er Jahre ein Ende.

Ansicht 1928 (Quelle: Stadtarchiv Remscheid)
Ansicht 2014

Im Rahmen der im Jahr 200 begonnenen Modernisierung der Siedlung Neuenhof sollten auch die Fassade saniert werden. Die vorhandene Farbgestaltung entsprach nicht mehr der historischen Fassung. Um einen originalen Farbbefund zu erhalten, wurde 2001 eine Farbuntersuchung durch den Landschaftsverband Rheinland - Amt für Denkmalpflege - durchgeführt. Der größte Teil der Siedlung wurde in Anlehnung an diese Befunde in folgenden Farbtönen neu gefasst:  "hellgrün" für die Fassadenflächen, "hellrot" für die Gesimse zwischen Erd- und Obergeschoss, "ocker" für die Fensterbänke im Erdgeschoss, "weiß" für die Tür- und Fensterlaibungen sowie der Kastengesimse der Traufen und das Holzwerk der Dachgauben.

  

Die Siedlung Neuenhof wurde am 14.06.1996 in die Denkmalliste der Stadt Remscheid eingetragen.      

 

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